Ein Jahrhundertzeuge schaut zurück

Hans Joa­chim Neid­hardt, der maß­geb­lich dar­an mit­wirk­te, dass in Dres­den Frau­en­kir­che und His­to­ri­scher Neu­markt wie­der­erstan­den sind, hat sei­ne Erin­ne­run­gen vor­ge­legt, die einen packen­den Über­blick von der Kind­heit in „Wei­mar“ bis ins Jahr 2000 offen­ba­ren. Cover: Ver­lag

Der 96 Jah­re alte Kunst­his­to­ri­ker Hans Joa­chim Neid­hardt, der Capar David Fried­rich und die Roman­ti­ker in der DDR aus der Schmud­del­ecke hol­te, hat sei­ne Memoi­ren vor­ge­legt. Sie ent­fal­ten einen wei­ten Blick auf das wech­sel­vol­le 20. Jahr­hun­dert.

DRESDEN/LEIPZIG. Der 1925 in Leip­zig-Goh­lis gebo­re­ne, in Dres­den hei­mi­sche und über Sach­sen hin­aus ange­se­he­ne Kunst­his­to­ri­ker Hans Joa­chim Neid­hardt hat sei­ne Erin­ne­run­gen vor­legt. Die in Anleh­nung an ein Gemäl­de Cas­par David Fried­richs „Über dem Nebel­meer“ beti­tel­ten rund 250 Sei­ten geben Aus­kunft über ein Leben, das seit der Kind­heit in der Wei­ma­rer Repu­blik zwi­schen den so viel­fäl­ti­gen Ent­beh­run­gen wie Freu­den des 20. Jahr­hun­derts hin- und her­geht.

Der Vater stirbt früh. Der „braune[n] Ver­füh­rung“, dass eine mili­tan­te Erzie­hung rich­tig sei, glaub­te er „als Jun­ge blind“, schreibt Neid­hardt, der im Juli 1943 acht­zehn­jäh­rig in den Krieg muss­te. Auf dem Bal­kan, wo sich die Wehr­macht mit Titos Par­ti­sa­nen erbit­ter­te Gefech­te lie­fer­te, wur­de er schwer ver­wun­det. Eine „Stun­de Null“ gab es nach kur­zer Gefan­gen­schaft für ihn nicht. Um zu über­le­ben, muss­te er bei Bau­ern um Nah­rungs­mit­tel bet­teln – und „bezahl­te“ die­se auch mit selbst­ge­schaf­fe­nen klei­nen Kunst­wer­ken, die er etwa von Bau­ern­hö­fen anfer­tig­te.

Eine 1947 dia­gnos­ti­zier­te Lun­gen­tu­ber­ku­lo­se ver­hin­der­te die Fort­set­zung sei­ner wäh­rend des Krie­ges begon­ne­nen Stu­di­en; er ging durch zehn schwe­re Jah­re. Stets wenn Hoff­nung keim­te, end­lich sta­bi­li­siert zu sein, folg­te der Rück­fall in mehr­fach lebens­be­droh­li­che Krank­heits­pha­sen, mün­de­te in Spi­tal- und Kur­auf­ent­hal­te („Zau­ber­berg I‑V“). Erst 1959 konn­te er in Leip­zig sein Stu­di­um der Kunst­ge­schich­te abschlie­ßen.

Das Gros der Aus­füh­run­gen wid­met er den DDR-Jah­ren – viel­fach humor­voll, aber auch plas­tisch bedrü­ckend. Die Gemäl­de­ga­le­rie Neue Meis­ter mit der Kunst des 19. und 20. Jahr­hun­derts, sei­ner­zeit in Schloss Pill­nitz unter­ge­bracht, für die Neid­hardt als Kus­tos wirk­te, bot nur weni­ge Nischen. Auch im Kunst­be­trieb hat­te die Staats­par­tei das Sagen, abge­si­chert durch unzäh­li­ge Sta­si­zu­trä­ger. Den­noch schil­dert Neid­hardt gera­de die Pill­nit­zer Jah­re als Idyl­le, in der er im Berg­pa­lais der eins­ti­gen Wet­ti­ner-Som­mer­re­si­denz wegen dras­ti­schen Woh­nungs­man­gels in Dres­den mit sei­ner Frau eini­ge Zim­mer bezog. Wie­der­auf­bau und Neu­struk­tu­rie­rung der Samm­lung sind auch sein Werk; er erleb­te die auf­se­hen­er­re­gen­de Heim­füh­rung der Dresd­ner Schät­ze aus der Sowjet­uni­on.

„Mit der Prä­sen­ta­ti­on der Samm­lung Neu­er Meis­ter in bei­den Palais des Schlos­ses“, schreibt er, „konn­te sie zum ers­ten Mal in ihrer Geschich­te in einem über­schau­ba­ren räum­li­chen Zusam­men­hang gezeigt wer­den.“ Obwohl Muse­ums­neu­ling, wur­de Neid­hardt im Was­ser­pa­lais mit der Hän­gung der gro­ßen Impres­sio­nis­ten Max Lie­ber­mann, Lovis Corinth und Max Sle­vogt betraut. Die Fami­lie leb­te bür­ger­lich. Zwei Kin­der wer­den gebo­ren. Mit Eleo­no­re von Hof­mann, Wit­we des bedeu­ten­den Jugend­stil­ma­lers und Aka­de­mie­pro­fes­sors Lud­wig von Hof­mann, die in Pill­nitz in der Brockhaus’schen Vil­la leb­te, ver­band die Fami­lie eine gute Bekannt­schaft. Die hei­le Welt, so Neid­hardt, war jedoch nicht von Dau­er. Die mar­xis­ti­sche Umge­stal­tung des Muse­ums­we­sens soll­te vor­an­ge­trie­ben, Muse­en soll­ten „sozia­lis­ti­sche Bil­dungs­stät­ten des Vol­kes“ wer­den. Den Ein­tritt in die SED, der ihm nahe­ge­legt wur­de, lehn­te er auf­grund sei­ner christ­li­chen Über­zeu­gung ab: „Erwar­tet wur­de nicht nur poli­ti­sches Bekennt­nis, son­dern Unter­wer­fung …“ Durch sei­ne Ableh­nung, schil­dert Neid­hardt, habe er Gene­ral­di­rek­tor Max Sey­de­witz als Unper­son gegol­ten.

Den­noch ver­schaff­te er sich Repu­ta­ti­on, auch im Aus­land. Er gestal­tet her­aus­ra­gen­de Kunst­aus­stel­lun­gen, ist inter­na­tio­nal als Fach­mann gefragt. Die Meis­ter der Roman­tik, die in den frü­hen DDR-Jah­ren ein Schat­ten­da­sein fris­te­ten, deren Schaf­fen als gefühls­du­se­lig und reak­tio­när galt, erleb­ten bald unge­kann­te Auf­merk­sam­keit, vor allem dank der Wer­ke Cas­par David Fried­richs; spä­ter wur­de der auf dem Neu­en Katho­li­schen Fried­hof in Dres­den bei­gesetz­te (Adri­an) Lud­wig Rich­ter wie­der­ent­deckt. An der Elbe stand am Anfang aber der Fried­rich-Schü­ler Carl Gus­tav Carus im Fokus, den die Dresd­ner zum 100. Todes­tag 1969 im Alber­ti­num mit einer Aus­stel­lung ehr­ten. Der anhal­ten­de Zuspruch zur Kunst der Roman­tik ist mit Neid­hardts feder­füh­ren­den Bei­trä­gen zu den berühm­ten Aus­stel­lun­gen der 1970er-Jah­re in Lon­don, Hamburg/Dresden, Paris, Tokio/Kyoto und Oslo (1980) mit­be­grün­det und unter­mau­ert wor­den.

Mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung und Neid­hardts Ein­tritt in den Ruhe­stand begann ein neu­es Kapi­tel sei­nes Wir­kens, dem das Ehren­mit­glied des Dresd­ner Geschichts­ver­eins, den er mit­be­grün­det hat, den letz­ten Teil sei­ner bis ins Jahr 2000 rei­chen­den Erin­ne­run­gen wid­met: die maß­geb­li­che Mit­ar­beit am Frau­en­kir­chen-Wie­der­auf­bau. Zahl­rei­che Kri­ti­ker des Vor­ha­bens, die sei­ner­zeit das Wort erho­ben, ver­stumm­ten spä­tes­tens bei Fer­tig­stel­lung des völ­ker­ver­bin­den­den Pro­jekts, für das neben manch ande­rem Neid­hardt an her­vor­ge­ho­be­ner Stel­le Ver­ant­wor­tung über­nahm.

Hans Joa­chim Neid­hardt: Über dem Nebel­meer. Lebens­er­in­ne­run­gen, Sand­stein-Ver­lag, 256 Sei­ten, 24 Euro.

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